Home -> Rundbriefe aus Bosnien -> Aktuell
Aktuell

20. Rundbrief aus Bosnien und Herzegowina                      

Sarajevo, 05. Mai 2010


Als ich vor 10 Jahren nach Bosnien kam, begrüsste mich Bischof Franjo Komarica von Banja Luka auf humorvolle Art: „Ah, Sie wollen Bosnierin werden! Wissen Sie, worauf Sie sich da einlassen? Ich erzähle Ihnen eine kleine Geschichte: Ein Dalmatiner und ein Bosnier machten ein Wettrennen über 100 m. Wissen Sie, wie es herauskam? Nun, der Dalmatiner rannte zwar sehr schnell los, gab aber rasch auf, weil er erschöpft war; und der Bosnier ... der verirrte sich!“ Zitat aus dem 1. Rundbrief, 05.11.2000

Damals verstand ich (noch) nicht, auf welche spezifische Eigenart der bosnischen Mentalität der Bischof anspielte – mittlerweile bin ich angekommen im Verwirrspiel des bosnischen Alltages – und gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen von NARKO-NE versuche ich stets von neuem geduldig den Überblick zu behalten! Wo können wir den Schlüssel finden, der jungen Menschen hilft, ihren Lebensweg bewusst zu gestalten, ausgerichtet an den universalen Werten der grossen Weltreligionen?
 
Was wir brauchen? – Wegweiser wären keine schlechte Idee!  

Und so trug (nicht ganz zufällig) das Theaterstück des kürzlich abgeschlossenen vierten Intercity-Theater-Zyklus den Titel „Wegweiser des Lebens“. Es ging um Jugendliche in Entscheidungssituationen, und das Bild mit den vielen Pfeilen zierte die Einladung an die Vorstellung. 22 Jugendliche gingen damit in den letzten 7 Monaten durch ihre Heimatstädte in ganz Bosnien auf Tournee. Im Anschluss an die Aufführung wurde jeweils lebhaft über die Themen Suchtprävention und Jugendarbeit diskutiert.
 In vier Jahren haben 86 Teenager aller Ethnien, Jungen ebenso wie Mädchen, aus 11 Städten 32 Aufführungen organisiert und ihre Botschaften zu Suchtverhalten und Gesundheit in die Gemeinden getragen. Um die 4000 Menschen wurden erreicht und in den Gedankenaustausch mit einbezogen.
Rückblickend lässt sich aus der Chronologie der Titel ein Stück weit eine Lebenslogik herauslesen, die zur Lösung des Problems in der bischöflichen Anekdote beitragen könnte:  
2006/07    Aus der Finsternis der Drogen zum Morgenrot der Liebe
2007/08    Besseres Morgen
2008/09    Schritt in eine bessere Zukunft
2009/10    Wegweiser des Lebens


Auch unser NARKO-NE-Team stand in den vergangenen Monaten an Kreuzungen und musste sich entscheiden.  
Wie entwickeln wir unsere Projekte sinnvoll weiter? Welche Rahmenbedingungen werden uns dabei durch unsere Donatoren vorgegeben? Welche Begrenzungen entstehen uns im Team, einerseits durch ‚normale’ Gruppendynamik, andererseits durch die spezifische Situation junger Menschen, die teilweise immer noch unter Kriegstraumata leiden, aber auch durch gesellschaftspolitische Gegebenheiten. Hier einige Beispiele:  Die Finanzkrise und die Krise der Werte, das sind globale Themen. Europäisch gesehen schliessen die „Islamo-phobie“ des Westens und die Visumspflicht die bosnische Jugend mehr und mehr aus dem europäischen Dialog aus. Innenpolitisch leiden wir unter dem Reformstau im Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsbereich, wir blicken auf Chaos und Aggressivität im öffentlichen Leben. All diese Faktoren haben auf die Familien der rund 130 jungen Menschen – StudentInnen und MittelschülerInnen - die sich freiwillig in unseren Projekten engagieren, konkrete Auswirkungen und machen ihnen Entscheidungen für einen gesunden, ehrlichen und verantwortungsbewussten Lebensweg nicht leichter.
Das Projekt „Wegweiser in eine gesunde Gesellschaft“ ist hierfür ein gutes Beispiel - das Intercity Theater und die Jugendzeitung Preventeen gehören dazu. Am 31.12. 2009 ging der 2-jährige Projektzyklus, welcher vom dt. Caritasverband DCV finanziert wurde, zu Ende. Wir hatten die mündliche Zusage, dass wir ab März mit der Folge-finanzierung rechnen können. Die zwei Monate wollten wir dank der Reserve über die Runden kommen. Doch wegen der  Erdbebenkatastrophe in Haiti zögerte sich die Bewilligung hinaus. Mitten in der Ungewissheit teilte die gut eingearbeitete Projektassistentin Sejla mit, dass sie ihre Stelle Ende April aus gesundheitlichen Gründen aufgeben müsste.
Wieder einmal stand das Team an einer Kreuzung. Wir entschieden, uns 2010 auf die journalistischen Projekte zu konzentrieren, auf die Zeitschrift und das neu entwickelte Filmprojekt: 8 Jugendliche aus 8 Städten wollen Geschichten über Suchtprävention in ihrer Gemeinschaft als Videofilm gestalten und 8 Beiträge für eine

Jugendsendung des staatlichen TV vorbereiten. Das gleiche Projekt planen wir ab Januar 2011 als Radio-sendung.
Die Förderbewilligung für die nächsten zwei Jahre ist inzwischen eingetroffen. Doch das Theaterprojekt muss warten. Ich bin jedoch sicher, dass wir 2011 den Anknüpfungspunkt an unser nächstes Theaterstück wieder finden. Zumindest über Ideenmangel können wir nicht klagen!

Hier ein weiteres konkretes Beispiel, wie wir mit ‚typisch bosnischen’ Problemen umgehen: In der 13. Nummer des Preventeen „Gemeinsam gegen Sucht“ haben wir es wieder einmal geschafft, Jugendliche aller Ethnien mit einzubinden. Dies ist beileibe keine Selbstverständlichkeit. Obwohl wir unsere Projekte konsequent ‚multikulturell’ organisieren, stellten wir fest, dass immer mehr kroatische und serbische Jugendliche wegblieben. Als neue ‚Werbestrategie’ beschlossen wir, serbische und kroatische Jugendliche direkt anzusprechen. Das bedeutete für die Projektleiterin Andrea, im Dezember ‚Klinkenputzen’ und intensives Reisen: sie besuchte mehrere katholische und serbische Schulen und leistete dort erfolgreich Überzeugungsarbeit. Im Januar stellte sie befriedigt ein multi-kulturelles Redaktionsteam vor, das sich auch gleich hochmotiviert an die Arbeit machte. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Ende März erschien das neue Heft, es ist nicht nur vom Umfang her das GRÖSSTE Heft aller Zeiten (40 Seiten!), sondern auch von der Themenvielfalt her. Hier ein (kleiner!) Ausschnitt:  
-    LehrerInnen und SchülerInnen für eine gesunde Schule
-    Was bedeutet X? (IKS – Interkulturelle kreative Sommerwochen, unser Projekt in Vitez und Vares)
-    „Sarajewo – meine Liebe“ – Vom General 1992 – 95 zum Förderer von Bildung für alle
-    „Regenbogen“ -  Besuch in einem Heim für behinderte Kinder auf dem Land
-    Kleine Sport-Rhapsodie – ungewöhnliche Weltmeister vom Land in Gewichtheben und Fischen
-    Mach mir Platz in deiner Stille – mit gehörlosen Menschen kommunizieren
-    Meine besten Freunde sind – meine Eltern!
-    „Der Knabe im gestreiften Pyjama“ – Rezension
-    Wenn nackte Leute zur Kunst werden – Greenpeace Aktion mit Spencer Tunick
-    Hip-hop für Grosse und Kleine
-    Jugendzentrum Stella in Fojnica – gegen den alltäglichen Pessimismus
-    Zusammenleben in der therapeutischen Gemeinschaft

Was wäre unser Jahr ohne die „Interkulturellen Sommerkreativwochen“ (in diesem Jahr vom 17.07. – 14.08.)? So viele und frühe Anmeldungen hatten wir noch nie. 17 Studierende von Fachhochschulen für Kunst und Gestaltung, für Sozialarbeit und von Pädagogischen Hochschulen aus der Schweiz werden dabei sein. Einheimi-sche Jugendliche aus Vares und Vitez sowie aus der Roma-Siedlung Vitez-Sofa haben bereits eine Fülle von Ideen gesammelt, wie sie zur Verbesserung ihrer Verhältnisse beitragen wollen. Fast schon Tradition hat die Instandsetzung von Spielplätzen und die Gestaltung einer Flusspromenade. In Vares wurde ein Teleskop gespen-det, für das nun ein Freilichtplanetarium erstellt werden soll. Mir fällt auf, dass die Jugendlichen von Jahr zu Jahr selbstbewusster, kreativer und verantwortungsvoller mitarbeiten, was ich gerne als Zeichen für Nachhaltigkeit deute.

Auch im Projekt Ältere Schwester, älterer Bruder geht es voran. Ich zitiere aus dem Projektantrag an die Röm.-kath. Gesamtkirchengemeinde Bern und Umgebung : „Die Solidarität mit geschwächten und bedürftigen Mitgliedern innerhalb der Familie hat auf dem Balkan einen sehr großen Stellenwert. Weil vielen Kindern als Folge des Krieges familiärer Schutz und Begleitung fehlen, bilden wir StudentInnen aus, damit sie einem gefährdeten Kind „ältere Schwester“ oder „älterer Bruder“ werden, d.h. erwachsene Bezugsperson, auf die es sich verlassen kann und die ihm Vorbild für die Gestaltung eines erfüllten Lebens ist. Eine solche freundschaftliche Beziehung trägt dazu bei, Auswirkungen von Entwicklungsnachteilen abzu-mildern und sozialer Ausgrenzung sowie den oft anschliessenden schulischen Schwierigkeiten, Substanzmissbrauch und gewalttätigem Verhalten vorzubeugen.“ (Projektantrag bewilligt, 16.3.2010).
Garantin der Kontinuität und Qualität für das „Ältere Schwester, älterer Bruder“-Projekt ist Alma, die schon seit 6 Jahren als Leiterin dabei ist. Sie ist auch federführend im Aufbau des gesamtbosnischen Netzwerkes, in dem 8 Organisationen aus 6 Städten mit rund 150 jungen Menschen die tief verwurzelten Werte weiter pflegen.

Parallel zu den 40 Kindern im Ältere Schwester, ältere Bruder Projekt  in Sarajewo haben in den letzten Monaten rund 120 weitere Kinder „ihre“ StudentInnen bekommen und zwar durch das parallele Projekt „Weiterbildung von MentorInnen von Freiwilligen“, in dem wir vier Klein- und Pilotprojekte realisieren:
-    „Gefährtinnen für neue Schritte“. Zwei junge Frauen im Masterstudium begleiten seit Februar 13 Mädchen im islamischen Schulheim „Gazzaz“ (Sarajewo). Die Mädchen kommen aus ganz Bosnien und stammen meist aus dysfunktionalen Familien. Im Schnitt sind sie 14 Jahre alt. Ende Mai schliessen sie ihre Grundschulzeit ab, müssen sich bzgl. weiterführender Schule entscheiden und mit der anstehenden Rückkehr in die Herkunftsfamilie auseinandersetzen. Dies alles mitten in den ‚Strudeln der Pubertät’. Aber auch hier können wir ein Stück weit „Wegweiser zum Leben“ sein: Wöchentliche Workshops bieten Raum für die drängendsten Fragen der Weichenstellung, jeden zweiten Samstag ist Ausgang mit der „Gefährtin“ – einer ehrenamtlich arbeitenden Studentin. Die Mädchen nutzen diese Gelegenheit intensiv ‚von Frau zu Frau’ auch über Persönliches zu sprechen.  
-    Das zweite Pilotprogram, die wöchentliche Hausaufgabenhilfe für zwei Gruppen von 6.-KlässlerInnen in Vares, durchgeführt von 12 ehrenamtlich arbeitenden Jugendlichen (8. – 12.-Klässler), läuft auch im 4. Monat noch mit Schwung und Zufriedenheit.
-    Im Januar haben drei junge Mitarbeiterinnen ein Workshop-Programm für Kinder, die auf der Strasse arbeiten, gestartet. Zweimal wöchentlich gibt es für die 8 – 12-Jährigen im Tageszentrum ein Angebot mit Übungen für Kreativität, zur Differenzierung der Sinneswahrnehmung, zum besseren Umgang mit Gefühlen sowie zur Entspannung. Diese anspruchsvolle Arbeit ist für beide Seiten sehr befriedigend.
-    Den ersten Zyklus des vierten Projektes für Kinder der 1. – 4. Klasse „Spielend Freunde werden“ in einer abgelegenen Siedlung haben wir im Januar evaluiert, und zur Zeit bereiten wir einen neuen Durchgang vor.

Mit diesen Kleinprojekten setzen wir den strategischen Schwerpunkt 2010-12 um: Wir wollen in 8 Jahren erworbene Erfahrung, Knowhow und Expertise im Bereich Suchtprävention und Training von Lebens-kompetenzen systematisieren und anderen Organisationen vermitteln, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Anfangs Juni werden wir uns mit allen Projektleiterinnen zusammen setzen und unter der Leitung unserer Beraterin, Hedy Anderegg-Tschudin, Handbücher und Weiterbildungskonzepte für zukünftige Projekt-leiterinnen entwickeln.
So ganz nebenbei ist das „Ältere Schwester, älterer Bruder“ Projekt für NARKO-NE auch immer wieder eine Fundgrube für Fachkräfte. Die Nachfolgerin von Sejla – Alena -  schloss vor drei Jahren ihr Psychologiestudium in Sarajewo ab - sie war Freiwillige während vier Jahren. Trotz des Engagements und der ausgewiesenen Fähigkeiten fand sie in Sarajewo keine Arbeit in ihrem Fachbereich und musste deshalb in ihre Heimatstadt in Nordbosnien zurückkehren, wo sie sich mit verschiedenen freiwilligen Engagements in der kleinen Landgemeinde nützlich zu machen versuchte. Als ich sie vor ein paar Tagen fragte, ob sie interessiert sei, sagte sie kurzent-schlossen zu. Schon in der ersten Maiwoche wird sie ihre Arbeit in NARKO-NE aufnehmen. - Mitte April haben wir eine junge Frau, auch eine sehr engagierte Freiwillige, die noch die Masterarbeit in Sozialarbeit schreibt, für das Berufseinsteigerjahr engagiert. Vier Tage arbeitet sie im staatlichen Sozialzentrum, und einen Tag in den Projekten von NARKO-NE mit. Es ist vorgesehen, dass sie ein Konzept für die Arbeit mit Eltern entwickelt und erprobt, um so auch das Umfeld der Kinder zu unterstützen.
Ein weiterer Schwerpunkt, der in unserer Arbeit immer wichtiger wird: „Mädchen und junge Frauen stärken“.    Wir bieten für Berufseinsteigerinnen Trainings in Projektmanagement an und stärken auf diese Weise Können und Selbstvertrauen der jungen Frauen. In den Teenies-Projekten versuchen wir ein Bewusstsein für geschlechts-spezifische Bedürfnisse und Fähigkeiten zu wecken. Seit diesem Jahr ist die feministische Friedensorganisation cfd ) Schweiz unsere Partnerorganisation und unterstützt uns für die nächsten drei Jahre.
Gemessen am Bedarf, ist es wenig, was wir anbieten – aber: es scheint nachhaltig zu sein und es findet einen bleibenden Nachhall in den Köpfen und Herzen derjenigen, die uns unterstützen. Da wären so viele, denen ich danken möchte, so dass ich gewiss wieder einige vergesse ... angefangen bei meinen Mitarbeiterinnen, unseren Freiwilligen und ihren Familien, den vielen Menschen hier vor Ort, die rasch und unkompliziert helfen, wenn es drauf ankommt – sei es mit ihren Fähigkeiten oder mit ihren Beziehungen. Unsere Erfolge sind aber auch das Resultat des grossen Netzwerkes von Bekannten und Verwandten in der Schweiz, Deutschland und Österreich. Ihnen allen ist daran gelegen, dass junge Menschen in Bosnien und Herzegowina fähig sind und den Willen haben, auf ein Ziel hin zu leben, das gebildet und getragen wird von den Werten der Religionen, die hier seit Jahrhun-derten ein gemeinsames Auskommen haben, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam und das auch den Atheisten ihren Platz lässt. Menschliche gebildete junge Frauen und Männer sind die letzte Hoffnung in einer Gesellschaft, in der die führenden Kräfte nicht fähig und bereit sind, sich auf einen einfachen und normalen Weg einzulassen, sondern sich verirren und so der Verantwortung entledigen.
Die „Wegweiser des Lebens“ zu lesen und zu verstehen, ist das eine. Ebenso wichtig ist es, achtsam in sich hinein zu hören, damit die Entscheidung reifen kann. Von Herzen wünsche ich dir/Ihnen die Geduld und die Bescheidenheit, die alltäglichen und existentiellen Entscheidungen wachsen zu lassen und sie tatkräftig umzusetzen.
Mit herzlichen Grüssen,
            Sr. Madeleine Schildknecht